„Könnten Politiker meinen Schmerz fühlen, würden sie uns nicht zurück schicken“

Das sagte gestern einer „meiner Afghanen“ zu mir.

Völlig off-topic, aber so viel wichtiger als ein Rezept für Essen.

Er ist 1979 geboren, dem Jahr, in dem die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert ist. Seitdem herrscht dort Krieg. Er kennt nichts anderes. Nachdem die Taliban ihn mehrmals auf ihre Seite bringen wollten und ihn eines Tages in ein Erdloch in den Bergen warfen und ihn und seine Familie mit dem Tod bedrohten, sollte er sich ihnen nicht anschließen, nahm er seine Frau und seine 5 Kinder, brachte sie zu anderen Familienangehörigen in einer anderen Region, wo er sie so lange in Sicherheit hoffte, bis er in Europa Asyl bekommen würde, um seine Familie dann auf legalem Wege nachzuholen. Seine Frau war zu dem Zeitpunkt mit seinem sechsten Kind schwanger.

Sein bis dahin ungeborenes Kind ist heute 5 Jahre alt. Er hat es noch nie gesehen. 2 Jahre war er in Griechenland in einem Flüchtlingslager quasi eingesperrt. Er durfte es nicht verlassen. Irgendwann sagten die griechischen Behörden, er hätte die Wahl: Zurückgehen nach Afghanistan, oder sie würden ihn passieren lassen, damit er weiter in den Norden kommt. In Griechenland könne er zumindest nicht bleiben.

Jetzt ist er seit 2 Jahren und 3 Monaten in Österreich. Hier ist er nicht physisch eingesperrt, in seinem Kopf aber schon. Seit 2 Jahren und 3 Monaten ist er in Unsicherheit in einem eigentlich sicheren Land. Er weiß nicht, ob er hier eine Zukunft haben kann und ob er seine Kinder jemals wieder sehen wird. 2 oder 3 Mal im Jahr erfährt er, ob es seinen Kindern gut geht. In der Region, in der sie lebten, gibt es kein Telefon und kein Internet. Um zu telefonieren, muss sein Bruder, bei dem die Kinder lebten, in eine andere Region, die derzeit von den Taliban beherrscht wird und er begibt sich dadurch in große Gefahr (die afghanische Regierung hat derzeit noch Kontrolle über ca. 60% des Landes). Seine Frau ist in der Zwischenzeit verstorben.  Die genaue Todesursache weiß er nicht. Bei seinem letzten Kontakt vor ca. 2 Monaten, hat ihm sein Bruder mitgeteilt, dass die 6 Kinder nun ebenfalls auf der Flucht sind. Noch einmal zur Erinnerung: Das jüngste Kind ist 5 Jahre alt. Zuletzt waren die Kinder wohl im Iran. Im Iran werden afghanische Flüchtlinge systematisch diskriminiert und von der iranischen Regierung zum Kampf für Assad nach Syrien geschickt, mit dem Versprechen, sie würden danach endlich legal im Iran leben dürfen. Und wir in Europa fragen uns, warum manche Flüchtlinge nicht in ihren Nachbarstaaten bleiben!

Anfang April war er für insgesamt 3 Wochen in der Psychiatrie, 10 Tage davon auf der geschlossenen, weil er eine Gefahr für sich selbst darstellte. Er kann die Angst um seine Zukunft, um das Leben seiner Kinder und die permanente und jetzt noch mehr geschürte Angst vor Abschiebung und damit den Verlust jeder Hoffnung auf ein sicheres Leben für sich und seine Kinder kaum mehr aushalten. Europa hat mit Afghanistan einen Deal abgeschlossen. Afghanistan erleichtert die Ausstellung der benötigten Ausreisepapiere für in Europa abgelehnte Asylwerber und erhält im Gegenzug von Europa Geld. Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich massiv verschlechtert. 11.418 zivile Opfer im Jahr 2016, ein Drittel davon Kinder. Dazu kommen 6.785 tote und 11.777 verletzte Polizisten oder Soldaten. Neben den Taliban ist jetzt auch der IS in Afghanistan aktiv, was langsam auch in unseren Medien erkannt wird. Wie kann es sein, dass immer weniger Afghanen in Deutschland Schutz bekommen, obwohl die Sicherheitslage immer schlechter wird? Und nein, es gibt nicht nur die politische Verfolgung, aufgrund derer man ein Menschenrecht auf Asyl hat. Es gibt auch den subsidiären Schutz, den auch nicht persönlich verfolgte Menschen bekommen müssen, deren Sicherheit in ihrem Heimatland nicht gewährleistet werden kann.

Eine Abschiebung nach Afghanistan bedeutet eine Rückkehr in den Krieg und birgt ein immer höher werdendes Risiko für Leib und Leben.

Teilt solche Informationen. Informiert euch. Haltet dagegen. Lasst nicht zu, dass mit Menschenleben Politik betrieben wird. Lasst euch nicht von irrationalen Ängsten leiten! Die allermeisten Afghanen (zumindest die vielen, die ich kenne) sind wunderbare Menschen, auch wenn in den Medien die Negativbeispiele hervorgehoben werden.

Unterschreibt gegen Abschiebungen nach Afghanistan aus Österreich.

Unterschreibt gegen Abschiebungen nach Afghanistan aus Deutschland.

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