Von Drohnen und Ausbildungen

Dieses Foto von Jahantap und ihrer kleinen Tochter ging viral.

(Das Foto stammt aus diesem Artikel, der eigentlich nix mit meinem Artikel zu tun hat, der aber trotzdem lesenswert ist)

Ich gucke ja selten Dokumentationen über den Krieg.
Ich rede jeden Tag mit Menschen, die den Krieg am eigenen Leib erlebt haben und muss dann wirklich nicht auch noch die direkten Bilder davon sehen.

Heute habe ich doch wieder eine Dokumentation gesehen, nämlich „National Bird. Amerikas Drohnenkrieger„. In der Doku geht es auch um Afghanistan und Afghanistan liegt mir ja eh sehr am Herzen, was man auch ein Bisschen im Blog sieht.

Falls ihr es aushalten könnt, dann schaut im Link ab Minute 48:54 ungefähr bis 1:07:17. Also etwa 20 Minuten. Was mich daran besonders aufregt: Die Opfer dieses Angriffes würden hier einen negativen Bescheid bekommen. Kein Anrecht auf Asyl, weil keine persönliche Verfolgung. Kein Anrecht auf subsidiären Schutz, weil Afghanistan ja eh sicher ist. Frauen und Kinder dürften wahrscheinlich da bleiben, aber Männer könnten wieder zurück geschickt werden.

Immerhin „EU-Richtlinien zum Asylrecht fordern, dass niemand zurückgeschickt werden dürfe, wenn ihm ein „real risk“ drohe, eine tatsächliche Gefahr. Um zu bestimmen, was das genau bedeutet, haben deutsche Richter das Konzept der „beachtlichen Wahrscheinlichkeit“ entwickelt.“ Und: „Berücksichtige man die Einwohnerzahl von Herat und die Zahl der Opfer dort im Jahr 2014, dann betrage die Wahrscheinlichkeit, durch Kämpfe zu sterben, nur 0,029 Prozent. Sie „blieb somit weit von der Schwelle der beachtlichen Wahrscheinlichkeit entfernt“.“
Die Wahrscheinlichkeit ist vor allem in den letzten beiden Jahren stark angestiegen, gleichzeitig ist die Chance auf Asyl oder subsidiären Schutz gesunken.

Eine meiner afghanischen Familien wurde im Interview gefragt, ob sie glauben, dass die Bombe mit Absicht oder per Zufall ihr Haus zerstört hat…. Wenn es Zufall war, dann ist das halt ein Kollateralschaden. War ja eh nicht geplant.

Einem 20jährigen Afghanen hat man heute den Antrag auf „Verfahrenshilfe“ abgelehnt. Um gegen einen zweiten negativen Bescheid Berufung einzulegen, unterliegt man der Anwaltspflicht, den sich kaum ein Asylwerber leisten kann. Ohne Verfahrenshilfe kein Anwalt, ohne Anwalt keine Recht auf Beschwerde, obwohl es noch höher geordnete Instanzen gibt. Ohne Beschwerde bleibt ihm die „freiwillige Rückkehr“ in ein Land, was schon seine Eltern im Krieg verlassen hatten, was er noch nie gesehen hat, was auch mehr als 20 Jahre später immer noch im Krieg ist. Oder er hofft darauf, dass die afghanische Botschaft keine Rückreisepapiere für ihn ausstellt, weshalb er in Österreich „geduldet“ werden müsste. Duldung würde bedeuten, dass der 20jährige in Österreich zwar in einem Heim und in Sicherheit wohnen bleiben und 6€ täglich „Grundversorgung“ beziehen darf, aber NICHTS tun darf. Er wird keine Schule, keine Kurse, keine Arbeit, nichts sinnvolles mit seinem jungen Leben anstellen dürfen, obwohl man sich mit ihm fließend auf Deutsch unterhalten kann und er bereits eine Lehrstelle gehabt hätte (der Antrag lag beim AMS (Arbeitsmarktservice), als der zweite negative Bescheid bei ihm einlangte. Mit zweitem negativem Bescheid kann dir keine Lehrstelle mehr genehmigt werden). Es ist ein Hohn. Menschen egal welchen Alters und Geschlechts in dieses Land zu schicken genauso wie arbeitsfähige junge Menschen zum nichtstun zu verdammen, obwohl es rechtlich keine andere Möglichkeit für sie gibt, als hier zu bleiben (ohne Reisedokumente dürfen auch wir nicht reisen, Asylwerber genauso wenig).

Ich mache daher mal wieder Werbung für die Petition:
Ausbildung statt Abschiebung des oberösterreichischen Integrationslandesrats Rudi Anschober. 50.000 Unterschriften sollen erreicht werden. Helft mit, dass die Menschen, die hier sind eine sinnvolle Beschäftigung haben, sich integrieren können, SICHERHEIT haben. Danke.

Advertisements

#EinstehenFuerMenschenrechte! und ein Rezept für afghanische Lauchtaschen (Bulani)

Ich habe schon einmal einen Beitrag über die Situation in Afghanistan bzw. von afghanischen Flüchtlingen geschrieben. Damals hatte ich die Petition „Keine Abschiebungen nach Afghanistan“ verlinkt, die heute noch genauso aktuell ist wie im April 2017. Es ist weiterhin wichtig, dort zu unterschreiben!

Thomas Ruttig hat letztens einige Lageeinschätzungen präsentiert. Das Land wird von der UN-Mission in Afghanistan als „Land im Konflikt“ bezeichnet, ein Konflikt, der zu einem Krieg eskaliert. Im Global Peace Index des Institutes For Economics and Peace wird Afghanistan auf dem vorletzten Platz, nur noch vor Syrien gelistet. Nur Mexico und Syrien verzeichnen weltweit mehr Tote durch Konflikte als Afghanistan. Und trotzdem hat Deutschland am Nikolaus-Tag wieder Menschen in das Land abgeschoben. Laut Amnesty International Deutschland vom 01.12.2017 sind Abschiebungen nach Afghanistan „angesichts der gegenwärtigen Sicherheitslage unverantwortlich und (sie) verstoßen gegen das Völkerrecht“.

„Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“
(Artikel 3. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte)

„Menschenrechte kennen keine Grenzen.
Sie gelten immer, überall und für alle.“
(#EinstehenFuerMenschenrechte)

Ich hoffe, dass diese Informationen von den Entscheidungsträgern endlich nicht mehr ignoriert werden. Aber eigentlich geht es hier immer noch um Rezepte, von daher heute ein Rezept für

بولانی (Bulani – Afghanische Lauchtaschen)

7078572257538305506246603668617766093784248819840668918805334179019713860166

Für 2 Personen

Für den Teig:
250g Mehl
125g Wasser
1 TL Salz

Für die Füllung:
1 Stange Lauch
2 Jungzwiebeln
250g Kartoffeln
100g Champignons
0,5 TL Kurkuma
0,5 TL Garam Masala
Salz, Pfeffer

+ Öl zum Ausbacken

Für den Teig die 3 Zutaten zu einem glatten Teig verkneten. Er sollte nicht feucht sein, damit er sich später gut und dünn ausrollen lässt, also lieber minimal mehr Mehl dazu geben. Den Teig mindestens 30 Minuten in einer mit einem Küchentuch abgedeckten Schüssel ruhen lassen.

In der Zwischenzeit die Kartoffeln schälen, kochen und mit einem Stampfer in grobe Stücke stampfen. Den Lauch, die Jungzwiebel und die Champignons fein hacken. Alle Zutaten miteinander vermischen.

Den Teig auf einer gut bemehlten Arbeitsfläche in 4 Teile teilen, zu Kugeln formen und dünn ausrollen. Die Füllung auf je einer Hälfte verteilen, die freie Teighälfte über die Füllung klappen, die Ränder etwas befeuchten und leicht nach innen umschlagen und fest drücken, sodass sie gut verschlossen sind.

Öl ca. einen Zentimeter hoch in einer großen Pfanne erhitzen und jeweils 2 Bulani auf einmal darin ausbacken. Das dauert ca. 2-3 Minuten pro Seite, bis sie goldbraun gebraten sind. Auf Kückenpapier abtropfen lassen und vielleicht mit einem Joghurtdip (in Afghanistan wäre das natürlich mit viel Koriander) oder auch einfach pur genießen.

„Könnten Politiker meinen Schmerz fühlen, würden sie uns nicht zurück schicken“

Das sagte gestern einer „meiner Afghanen“ zu mir.

Völlig off-topic, aber so viel wichtiger als ein Rezept für Essen.

Er ist 1979 geboren, dem Jahr, in dem die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert ist. Seitdem herrscht dort Krieg. Er kennt nichts anderes. Nachdem die Taliban ihn mehrmals auf ihre Seite bringen wollten und ihn eines Tages in ein Erdloch in den Bergen warfen und ihn und seine Familie mit dem Tod bedrohten, sollte er sich ihnen nicht anschließen, nahm er seine Frau und seine 5 Kinder, brachte sie zu anderen Familienangehörigen in einer anderen Region, wo er sie so lange in Sicherheit hoffte, bis er in Europa Asyl bekommen würde, um seine Familie dann auf legalem Wege nachzuholen. Seine Frau war zu dem Zeitpunkt mit seinem sechsten Kind schwanger.

Sein bis dahin ungeborenes Kind ist heute 5 Jahre alt. Er hat es noch nie gesehen. 2 Jahre war er in Griechenland in einem Flüchtlingslager quasi eingesperrt. Er durfte es nicht verlassen. Irgendwann sagten die griechischen Behörden, er hätte die Wahl: Zurückgehen nach Afghanistan, oder sie würden ihn passieren lassen, damit er weiter in den Norden kommt. In Griechenland könne er zumindest nicht bleiben.

Jetzt ist er seit 2 Jahren und 3 Monaten in Österreich. Hier ist er nicht physisch eingesperrt, in seinem Kopf aber schon. Seit 2 Jahren und 3 Monaten ist er in Unsicherheit in einem eigentlich sicheren Land. Er weiß nicht, ob er hier eine Zukunft haben kann und ob er seine Kinder jemals wieder sehen wird. 2 oder 3 Mal im Jahr erfährt er, ob es seinen Kindern gut geht. In der Region, in der sie lebten, gibt es kein Telefon und kein Internet. Um zu telefonieren, muss sein Bruder, bei dem die Kinder lebten, in eine andere Region, die derzeit von den Taliban beherrscht wird und er begibt sich dadurch in große Gefahr (die afghanische Regierung hat derzeit noch Kontrolle über ca. 60% des Landes). Seine Frau ist in der Zwischenzeit verstorben.  Die genaue Todesursache weiß er nicht. Bei seinem letzten Kontakt vor ca. 2 Monaten, hat ihm sein Bruder mitgeteilt, dass die 6 Kinder nun ebenfalls auf der Flucht sind. Noch einmal zur Erinnerung: Das jüngste Kind ist 5 Jahre alt. Zuletzt waren die Kinder wohl im Iran. Im Iran werden afghanische Flüchtlinge systematisch diskriminiert und von der iranischen Regierung zum Kampf für Assad nach Syrien geschickt, mit dem Versprechen, sie würden danach endlich legal im Iran leben dürfen. Und wir in Europa fragen uns, warum manche Flüchtlinge nicht in ihren Nachbarstaaten bleiben!

Anfang April war er für insgesamt 3 Wochen in der Psychiatrie, 10 Tage davon auf der geschlossenen, weil er eine Gefahr für sich selbst darstellte. Er kann die Angst um seine Zukunft, um das Leben seiner Kinder und die permanente und jetzt noch mehr geschürte Angst vor Abschiebung und damit den Verlust jeder Hoffnung auf ein sicheres Leben für sich und seine Kinder kaum mehr aushalten. Europa hat mit Afghanistan einen Deal abgeschlossen. Afghanistan erleichtert die Ausstellung der benötigten Ausreisepapiere für in Europa abgelehnte Asylwerber und erhält im Gegenzug von Europa Geld. Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich massiv verschlechtert. 11.418 zivile Opfer im Jahr 2016, ein Drittel davon Kinder. Dazu kommen 6.785 tote und 11.777 verletzte Polizisten oder Soldaten. Neben den Taliban ist jetzt auch der IS in Afghanistan aktiv, was langsam auch in unseren Medien erkannt wird. Wie kann es sein, dass immer weniger Afghanen in Deutschland Schutz bekommen, obwohl die Sicherheitslage immer schlechter wird? Und nein, es gibt nicht nur die politische Verfolgung, aufgrund derer man ein Menschenrecht auf Asyl hat. Es gibt auch den subsidiären Schutz, den auch nicht persönlich verfolgte Menschen bekommen müssen, deren Sicherheit in ihrem Heimatland nicht gewährleistet werden kann.

Eine Abschiebung nach Afghanistan bedeutet eine Rückkehr in den Krieg und birgt ein immer höher werdendes Risiko für Leib und Leben.

Teilt solche Informationen. Informiert euch. Haltet dagegen. Lasst nicht zu, dass mit Menschenleben Politik betrieben wird. Lasst euch nicht von irrationalen Ängsten leiten! Die allermeisten Afghanen (zumindest die vielen, die ich kenne) sind wunderbare Menschen, auch wenn in den Medien die Negativbeispiele hervorgehoben werden.

Unterschreibt gegen Abschiebungen nach Afghanistan aus Österreich.

Unterschreibt gegen Abschiebungen nach Afghanistan aus Deutschland.